ROTKLEE LXIV • BEZIEHUNGSWEISEN

28 Künstlerinnen und Künstler untersuchen mit ihren Werken die vielfältigen Beziehungen des Seins:

ANETTE ALBRECHT, Berlin
KLAUS BÖLLHOFF, Klempenow
KARIN CAMARA, Lapitz
CONNY GABORA, Wieck
FRANCOISE GIROUY, Binz
WALTER G. GOES, Bergen
HUBERTUS GOLLNOW, Berlin
DETLEF GÜNTHER, Berlin
KATHLEEN HARSCH, Neubrandenburg
GÜNTHER HAUßMANN, Neukamp
JUANA-MARIA VON JASCHEROFF, Berlin
MARIO KUSEL, Prora
GEORG MEYER, Alt Reddevitz
GITTI MÜLLER, Berlin
ELKE MUNSE, Bergen
MONIKA ORTMANN, Wittenhagen
ANGELICA RUSS, Glowe
PETER SCHÜLER, Mursewiek
FRANK OTTO SPERLICH, Karow
JENS STEINBERG, Berlin
ROYA STURM, Putbus
ANDREAS THEURER, Berlin, Sellin
ANNA TRUBEL, Potsdam
MARTIN A. VÖLKER, Berlin
CHRISTIAN WEISS, Zudar
CHRISTIAN WERDIN, Lohme
EMMANUELLE WILHELM, Berlin
RANDOLPH WOLF, Zarrendorf

Sie zeigen, dass nichts für sich allein existiert. Alles steht in irgendeiner Beziehung zueinander: Menschen zu Menschen, Menschen zu Tieren, Tiere zu Pflanzen, Staaten zu Staaten, Lebende zu Toten, Künstler zu ihrem Model. Entscheidend aber ist die Art und Weise dieser Beziehungen.

Zur Einführung in dieses Thema spricht Günther Haußmann.

Die Ausstellung wird bis 25.10.26 mittwochs bis sonntags von 13 bis 17 Uhr zu sehen sein.

Guten Abend, liebe Freunde der Kunst und von ROTKLEE

Willkommen zur 64. Ausstellung mit dem Thema BEZIEHUNGSWEISEN

 64 Ausstellungen in 12 ½ Jahren. Solange gibt es ROTKLEE. Wer hätte das gedacht, damals im Frühjahr 2014, dass wir so lange durchzuhalten. Das ist schon mal die erste Beziehungsweise.

Wir vier sind inzwischen alle älter geworden als 64, sind sozusagen mit Rotklee gealtert und gereift und ich habe mir mal den Spaß gemacht, auszurechnen, in welchem Jahr die wievielte Ausstellung mit dem Lebensalter zusammenfällt.

Das Resultat lautet für mich: Mitte 2029 wird die 81. Ausstellung sein und genauso alt bin ich dann, mit Gottes Hilfe, obwohl ich nicht gläubig bin.

Otto! Bei dir ist das schon im September 2028 der Fall. 76. Ausstellung und zack – 76.

Walter und Randolph! Bei euch wird das Anfang 2029 sein. 78. Ausstellung und – bingo! – 78.

So sehen sie also aus, unsere besonderen Beziehungsweisen zum ROTKLEE.

Jetzt müssen wir nur noch durchhalten. Kleiner Scherz zu Beginn.

Als wir dieses Thema ausgeschrieben haben, haben wir nicht geahnt, wo das beginnt und wo das endet. Mir jedenfalls ging das so. Denn alles steht ja in irgendeiner Beziehung zu etwas anderem: Menschen zu Menschen, Menschen zu Tieren, Tiere untereinander, Staaten zu Staaten, Lebende zu Toten, Künstler zu ihrem Modell. Genauso gut hätten wir es auch WELT nennen können. Der Titel wäre kürzer gewesen. Die Rede allerdings nicht.

Also mache ich einen kleinen Exkurs in die Kontexte zum Thema BEZIEHUNGSWEISEN.

Wenn wir von Beziehungen sprechen, denken wir fast automatisch an Menschen: an Liebe, Ehe, Freundschaft. Aber das greift viel zu kurz. Und es geht auch nicht allein um Beziehungen, sondern um Beziehungsweisen. Also um die Art und Weise, wie etwas zueinander in Beziehung steht. Unser ganzes Leben ist ein Netz von Beziehungen. Jeder Mensch, dem wir begegnen, verändert uns ein wenig.

Ein Lehrer kann durch einen einzigen Satz eine Lebensrichtung verändern.
Ein Richter durch ein Urteil.
Ein Freund durch sein Zuhören und seinen Rat.
Ein Fremder durch eine kleine Geste.
Ein Mediziner durch sein Tun. Manche grüßen mich noch heute. Ob andere inzwischen die Straßenseite wechseln, weiß ich nicht.

Eigentlich besteht unser Leben gar nicht aus einzelnen Ereignissen. Es besteht vor allem aus der Summe seiner Beziehungen. Und wenn wir uns umsehen, stellen wir fest: Literatur, Film, Theater, Oper – sie alle handeln beinahe ausschließlich von Beziehungsweisen. Und das gilt auch für alles, was uns über die Medien erreicht.

Sie ahnen inzwischen den Umfang des Themas.

Im Nachhinein betrachtet wäre ‚Stillleben‘ ein dankbares Thema gewesen. Die Ausschreibung war jedenfalls schneller geschrieben als diese Rede.

Vorher möchte ich Ihnen unsere Künstler vorstellen. 28 Künstlerinnen und Künstler haben sich zu diesem Thema geäußert. Ich nenne sie, in alphabetischer Reihenfolge, soweit sie heute anwesend sind.

[Vorstellung der Künstler]

28 sehr unterschiedliche künstlerische Positionen. Das ist übrigens schon die nächste Beziehungsaufgabe dieser Ausstellung: Die Künstler müssen jetzt 7 Wochen miteinander auskommen.

Und nun zurück zu den Beziehungsweisen.

Geben sie mir noch 10 Minuten. Eine Uhr habe ich dabei. Sie vermutlich auch. Also, soviel ist klar: Nichts in der Welt existiert vollkommen für sich allein.

Ich will jetzt nicht mit dem Universum beginnen, obwohl klar sein sollte, dass gerade dort ziemlich große Beziehungen stattfinden. Auch lasse ich die Quantenphysik erst mal weg.

Beziehungen sind ein Grundprinzip allen Seins. Und auch der Mensch wird erst durch Beziehungen zum Menschen. Es gibt ein Missverständnis: Wir glauben oft, wir seien zuerst ein Ich, und mit diesem ICH treten wir dann in Beziehungen. Es ist genau umgekehrt. Ein Säugling kennt zunächst kein Ich. Erst allmählich lernt er zu unterscheiden: Das bin ich. Das bist du. Das ICH ist also nicht Voraussetzung für Beziehungen. Es entsteht erst durch die Beziehungen.

Der Philosoph Martin Buber hat diesen Gedanken in einem Satz zusammengefasst: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Das ist mehr als ein schöner Satz. Er stellt unser verbreitetes Bild vom autonomen Menschen auf den Kopf. Wir werden nicht erst vollständig und treten dann in Beziehungen. Wir entwickeln uns, indem wir in Beziehungen treten.

Auf welche Weise sind wir also verbunden? Mit Menschen, die uns nahestehen.
Mit Fremden.
Mit der Gesellschaft.
Mit der Natur.
Mit der Geschichte.
Und – mit uns selbst.

Vielleicht führen wir sogar die wichtigste Beziehung unseres Lebens mit uns selbst. Eine Beziehung übrigens, der man schlecht kündigen kann.   Beleuchten wir die Beziehungen zwischen Menschen ein wenig genauer.

Hier liegt der vertrauteste Bereich: Liebe, Ehe, Freundschaft, Familie, Eltern und Kinder, Geschwister, Nachbarn, Lehrer und Schüler, Arzt und Patient, Künstler und Modell. Übrigens: Nachbarschaft ist eine Beziehungsform, die juristisch erstaunlich ergiebig ist.

Über all das im Einzelnen zu sprechen, würde auch jeden Rahmen sprengen. Allein über die Ehe könnten wir den Abend problemlos bestreiten. Bei Liebe und Ehe müssten wir vorher klären, ob wir hier von einer oder von zwei Beziehungsweisen reden. Aber dann würde die Veranstaltung schnell zum Kabarett. Bleiben wir also ernst.

Lassen Sie mich deshalb eine andere Beziehungsweise herausgreifen:

Die Gastfreundschaft. Sie ist eine der ältesten Beziehungsweisen zwischen Menschen. Gemeint ist nicht der gelegentliche Besuch beim Nachbarn, sondern Gastfreundschaft als Gegenstand ethnologischer und kulturanthropologischer Betrachtungen. Natürlich lässt sich darüber kaum sprechen, ohne auch an die gegenwärtigen Migrationsbewegungen zu denken.

Wie wird aus einem Fremden ein Gast? Ein Fremder tritt über die Schwelle – und für eine Zeit lang verändert sich sein Status. Er ist nicht mehr nur der Unbekannte von draußen. Er sitzt an unserem Tisch. Er isst mit uns. Er akzeptiert dabei die Ordnung des Hauses und missbraucht das Gastrecht nicht. In manchen Kulturen wird der Gast zum Schutzbefohlenen und dadurch zu einem Angehörigen auf Zeit. Das ist mehr als Höflichkeit. Es ist der Versuch, aus Fremdheit eine Beziehung zu machen. Zugleich bleibt aber der Gastgeber derjenige, der die Tür öffnet – und der sie auch wieder schließen kann. Schon hier zeigt sich: Gastfreundschaft ist einfacher, solange der Gast weiß, dass er Gast ist. Und vermutlich gehört dazu auch die stille Übereinkunft, dass er irgendwann auch wieder nach Hause geht. Im Ehren- und Verhaltenskodex der Paschtunen beispielsweise besteht eine ausgeprägte Verpflichtung zur Gastfreundschaft. Ein Gast oder Fremder soll aufgenommen, bewirtet und geschützt werden. Der Gastgeber kann also verpflichtet sein, einen Menschen zu schützen, den er kaum kennt und dessen Ansichten er möglicherweise nicht teilt. Auch in vielen arabischen Gesellschaften ist das Anbieten von Kaffee keine beiläufige Bewirtung, sondern ein festgelegtes Ritual. Es signalisiert Großzügigkeit, Friedfertigkeit und die Bereitschaft, den Ankommenden in den sozialen Raum des Hauses aufzunehmen. Darin liegt eine philosophische Bedeutung. Wie verhalten wir uns zu einem Menschen, über den wir noch nichts wissen? Wir kennen seine Absichten nicht. Nicht seine Geschichte. Nicht seine Loyalitäten. Gastfreundschaft schafft trotzdem eine vorläufige Ordnung. Sie sagt: Ich kenne dich nicht. Aber solange du unter meinem Dach bist, behandle ich dich nicht als Feind. Das ist eine bemerkenswerte Kulturleistung. Die Unsicherheit wird nicht beseitigt. Sie wird durch ein Ritual beherrschbar gemacht. Aber Gastfreundschaft ist eben nicht nur Großzügigkeit. Der Gastgeber bestimmt gewöhnlich, wer eintreten darf und wie lange er bleiben darf. Deshalb kann die Bezeichnung eines Menschen als „Gast“ irgendwann auch problematisch werden. Und hier liegt ein Bezug zu unserer gegenwärtigen Flüchtlings- und Migrationsproblematik. Wer lange in einem Land lebt, möchte nicht auf unbestimmte Zeit als Gast behandelt werden. Und damit nähern wir uns einer aktuellen Frage: dem Umgang mit Fremden in unserem Land und in Europa.

Jetzt wird es politisch. Aber sie kennen uns. ROTKLEE weicht politischen Themen nicht aus. Schöne Landschaften kommen bei uns trotzdem vor. Lassen Sie mich deshalb neben der Gastfreundschaft einige verwandte Begriffen nennen.

Das Gastrecht. Das Völkerrecht. Die Menschenrechte. Die Genfer Flüchtlingskonvention. Das Asylrecht.

Und schließlich die Frage, wie all dies in unserem Grundgesetz verankert ist. Sie sehen: Aus Gastfreundschaft ist inzwischen ein großer Stapel Papier geworden. Sobald Beziehungen kompliziert werden, erfindet der Mensch eine Rechtsordnung. Denn an diesem Punkt beginnt nämlich etwas völlig anderes: Das Recht. Ein Fremder wird zum Gast. Aber ein Schutzsuchender wird zum Träger von Rechten – des Asylrechts und der Menschenrechte. Was geschieht mit einem Menschen, der nicht als Reisender vor der Tür steht, sondern weil er verfolgt wird? Weil er seine Heimat verlassen musste? Weil sein Leben oder seine Freiheit bedroht sind? Soll sein Schutz davon abhängen, ob jemand bereit ist, gastfreundlich zu sein?

Die Antwort hat sich die internationale Staatengemeinschaft im Laufe des 20. Jahrhunderts gegeben: Sie lautet: Nein. Aus der Gastfreundschaft wird eine Verpflichtung. Jemand hat niemals hier gelebt, hat hier keine Steuern gezahlt. Niemand kennt ihn. Und trotzdem kann dieser Mensch Forderungen an einen Staat haben, weil es die allgemeinen Menschenrechte gibt und das Asylrecht. Was aber, wen er zuhause gar nicht verfolgt wird, sondern nur ein besseres Leben möchte?

Hat jeder Mensch das Recht auf ein gutes Leben? Wenn ja, dann stehen plötzlich sehr vieleMenschen vor der Tür. Sie sagen: Euer Reichtum brachte uns die Armut. Ihr seid mitverantwortlich, dass unser Land arm ist. Aber sobald sehr viele Fremde vor der Tür stehen, geraten die Regeln, die wir uns selbst gegeben haben, miteinander in Konflikt: Menschenrechte und Asylrecht auf der einen Seite. Sicherheit und Ordnung, Kulturelle Eigenheiten, Schutz der Gemeinschaft, Sozialer Frieden und Gerechtigkeit auf der anderen Seite. Das erleben wir gerade.

Wir müssen das regeln, ohne gegen unsere eigenen Regeln zu verstoßen. Demokratie allein löst diese Fragen nicht. Die Wellen schlagen hoch, wenn jemand verspricht, das für uns sofort zu lösen. Eine Partei zum Beispiel mit ihrem Wahlprogramm. Mancherorts folgt dem die Hälfte der Leute und vergisst dabei, welchen Preis das für uns alle haben kann.

Dann gibt es noch die Beziehungsweisen zwischen dem Staat und den Bürgern. Die Verfassung sagt nicht nur den Bürgern, was sie dürfen und was sie nicht dürfen. Sie sagt auch dem Staat, was er darf – und was er nicht darf. Die Leute sind nicht für den Staat da. Der Staat muss sich vor den Leuten rechtfertigen, wenn er sie einschränken will. Was man dem Staat gelegentlich in Erinnerung rufen muss. Die vielen Anrufungen des Bundesverfassungsgerichtes zeigen das.

Zwischen Staaten gibt es noch eine ganz besondere Beziehungsweise: Die Diplomatie. Man spricht miteinander, gerade weil man sich nicht traut. Diplomaten pflegen Beziehungen, obwohl keine Freundschaft besteht. Sie lächeln, wo Misstrauen herrscht. Privat würden man das eine schwierige Beziehung nennen. Man könnte Diplomatie auch als Paartherapie zwischen Staaten bezeichnen. Leider bringen die Partner oft Drohungen, Sanktionen und gelegentlich Flugzeugträgern zur Sitzung mit. Gerade scheint man zu vergessen, dass Frieden nur in einer multipolaren Welt möglich ist, mit Akzeptanz anderer politischer Systeme, Religionen und sonstiger Unterschiede. Zwischen Staaten bedeutet Beziehung deshalb oft nicht Nähe. Sondern geregelter Abstand. Aber ohne Feindschaft. Das ist die Aufgabe der Diplomatie.

Und wir hoffen immer wieder darauf, dass sie, die Diplomaten, ihre Regierungen beraten, dass sie unter der Oberfläche, im Hintergrund, sich miteinander verständigen, während sich an der Oberfläche oft Grauenvolles abspielt.

So, 15 min müssten herum sein und ich habe noch nichts gesagt über Kulturen, Religionen, die Natur und alles andere. Sollten es doch mehr als 15 Minuten geworden sein, verweise ich auf die künstlerische Freiheit – und bin fein raus. Ich habe das Thema Beziehungsweisen nur gestreift. Das meiste bleibt ungesagt. Das freut Sie vermutlich mehr als mich. Auch für eine Rede gilt schließlich, was für manche Beziehungen gilt: Man sollte merken, wann es Zeit ist, Schluss zu machen.

Kehren wir also zurück ins ROTKLEE und schauen, wie unsere Künstler das sehen und auf welche Weise ihre Werke zueinander in Beziehung stehen.

Vielen Dank!