

Am Freitag, dem 15. Mai, 18 Uhr eröffnen wir die 62. Ausstellung mit dem Titel GUTE ORTE. 30 Künstlerinnen und Künstler begeben sich auf die Suche danach:
ANETTE ALBRECHT, Berlin • REGINA B. APITZ, Niepars • KLAUS BÖLLHOFF, Klempenow • KARIN CAMARA, Lapitz • WALTER G. GOES, Bergen • KATHLEEN HARSCH, Neubrandenburg • GÜNTHER HAUßMANN, Neukamp • BETTINA HÜNICKE, Potsdam • JAKOB KNAPP, Berlin • MARIO KUSEL, Prora • MATTHIAS LANGER, Varel • DANIELA FRIEDERICKE LÜERS, Beckenkrug • GEORG MEYER, Alt Reddevitz • CONSTANZE MOLNAR, Berlin • GITTI MÜLLER, Berlin • ELKE MUNSE, Bergen • MONIKA ORTMANN, Wittenhagen • MONIKA RINGAT, Heidekaten • UTE RÜDRICH, Kakernehl • ANGELICA RUSS, Glowe • ASTRID SALEWSKI, Dessau • HORST-WERNER SCHNEIDER, Liebenwalde • PETER SCHÜLER, Ummanz • FRANK OTTO SPERLICH, Karow • JENS STEINBERG, Berlin • ROYA STURM, Putbus • SILKE TOLK-NINNEMANN, Silmenitz • MARTIN A. VÖLKER, Berlin • CHRISTIAN WEISS, Zudar • RANDOLPH WOLF, Zarrendorf




















Wo oder was sind Gute Orte? Ist es der Ort, wo wir glücklich waren, der Ort der ersten Liebe? Ist es das eine Ufer am Meer, wo wir in schwerer Zeit Trost gesucht und gefunden haben oder ist es der Ort des endgültigen Friedens? Ist es der reich gedeckte Tisch, wo alle satt werden? Ist die Kneipe nebenan ein guter Ort? Oder da, wo gelacht wird, und da, wo gesungen wird, und ist das immer so? Ist Kunst ein guter Ort oder nur der Versuch, einen zu schaffen? Bei der Eröffnung der Vernissage wird Günther Haußmann diesen Fragen nachgehen. Die Ausstellung ist bis zum 05.07.2026 mittwochs bis sonntags von 13 bis 17 Uhr zu sehen
Einführung in das Thema GUTE ORTE.
ROTKLEE die zweiundsechzigste.
15.05.26
Günther Haußman
So machen wir das schon immer: Am Ende des Jahres setzen wir uns zusammen, Walter, Otto, Randolph und ich und jeder bringt seine Themenwünsche mit fürs Folgejahr. Die werfen wir wie Hüte in den Ring. Dann ziehen wir noch ein wenig hin und her und einigen uns dann auf die 6 Themen. Die senden wir an über 100 Künstlerinnen und Künstler. Diesmal verantwortet der Otto das Thema GUTE ORTE.
Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, wie wir ein Thema auch künstlerisch umsetzen. Mir, zumindest, geht das so.
So ist es wieder mit dem heutigen Thema. Das Thema wirkt anfangs recht harmlos. Aber dann steht man doch vor wichtigen Fragen des Lebens.
Erst wenn man theoretisch in eine Thematik eindringt, kann man sie in eine Malerei, eine Skulptur oder Installation übersetzen. Man entdeckt auch, dass man ein Thema oft in viele, fast beliebige, Richtungen interpretieren kann. Und findet kein Ende bei der Vorbereitung einer solchen Einführung wie hier.
Aber keine Angst! Ich weiß, sie müssen stehen. Gerade in der warmen Jahreszeit kann das die Freude an der Veranstaltung verderben. Anders als anderswo sind unsere Eröffnungen deshalb kurz. Ich werde sie nicht länger als 15 Minuten in Geißelhaft nehmen.
Was sind Gute Orte? Die Antwort hat man schnell zur Hand.
Sommer, Sonne, Urlaub, Natur. Oder auch da, wo man glücklich war, der Ort der ersten Liebe,der Ort, an dem man in schweren Tagen Trost gesucht – und gefunden – hat. Oder dieses eineUfer am Meer.
All das liegt auf der Hand.
Beginnen wir am Anfang, mit dem 1. Buch Mose:
Am Ende des sechsten Tages sah ER alles an, was er gemacht hatte und siehe, es war alles sehr gut.
Wenn wir Bilder aus dem Weltraum sehen, wo alles, scheinbar, nur Stein und Gas ist und dann die Fotos der Astronauten von der Erde, dann übermannt uns Staunen und Demut.
Darauf können wir uns einigen: Die Erde und ihre Natur ist ein guter Ort, mehr noch: ein vollkommener Ort.
Kann es viele Gute Orte geben oder nur diesen einen von dem alle anderen abhängen. So könnte man es sagen. Alle anderen Guten Orte hängen von dieser vollkommenen Erde ab.
Das heißt aber auch: In einer vollkommenen Welt kann sich alles nur zum Schlechten verändern – niemals verbessern, denn vollkommen ist die Welt ist ja schon. Vollkommenes kann man nicht verbessern. Allenfalls könnte man es bewahren. Das wiederum ist ein hochaktuelles, aber ein anderes Thema. Das ist mit unserem heutigen Thema nicht gemeint. Auch wenn wir hier viele Naturdarstellungen an den Wänden sehen.
Was also sind gute Orte noch?
Ich bin nicht gläubig. Wenn man mich fragt, bin ich ein gläubiger Atheist. Ich lebe im Hier und Jetzt.
Was mir eine Pfarrerin zum Thema Gute Orte sagte, aber hat mich dann doch überrascht.
Im christlichen Verständnis ist der Gute Ort nicht das Leben im Hier und Jetzt, sondern der Zustand jenseits von Mangel, Begehren und Unruhe. Der Ort der Vollendung. Der Ort der letzten Ruhe.
Das bedeutet nichts anderes, als dass wir zeitlebens auf der Suche nach Vollendung und Vollkommenheit sind. Vollkommenheit wird es aber nie geben können, aber auf dem Weg dahin kommen wir zu vielen guten Orten, wenn wir wissen, wonach wir suchen sollen. Auf diesem Pfad folge ich gern der Stimme der Kirche.
Der vor zwei Jahren verstorbene französische Ethnologe und Anthropologe Marc Augé hat den Begriff der Nicht-Orte geprägt. Das sind Funktionsorte wie Flughäfen, Bahnhöfe, U-Bahnen, Autobahnen, Supermärkte, Hotels, auch die Straßenschluchten zwischen den Hochhäusern.
Diese Räume schaffen keine sozialen Beziehungen. Im Gegenteil: Räume dieser Nicht-Orte schaffen Einsamkeit und Hilflosigkeit. Die Vereinsamung von Menschen in Großstädten ist das zugehörige Paradox.
Was wäre das Gegenteil von diesen Nicht-Orten? Ja! Die Guten Orte!
Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg nannte in diesem Sinne Kneipen, Biergärten, Cafés usw. Dort kommt man zwanglos zusammenkommen. Die festgelegten Rollen, wie sie in Familie und Beruf definiert sind, sind aufgehoben.
Harald Welzer nennt sie Wohnzimmer der Gesellschaft. Man geht in eine Kneipe, weil da erstens auch andere sind, weil man zweitens dort jemanden trifft, weil man drittens Neues erfährt, weil man viertens über die Politik herziehen kann, weil man fünftens ein Bier und etwas zu essen bekommt und weil man sechstens nicht sagen muss, warum man da ist.
Aber gerade diese Kneipen, diese Guten Orte, verschwinden zunehmend. Vor unserer Haustür, in Kasnevitz, haben wir das gesehen. Die Kneipe, ein Ort, an dem man sich traf, verschwand. Über die Ursachen müssen wir hier nicht nachdenken. Aber Tatsache ist doch, dass dies zur Entzweiung der Dorfgemeinschaft beitrug.
Mit dem Dorfgemeinschaftshaus in Kasnevitz ist nun ein Ort geschaffen, der mit Recht ein Guter Ort genannt werden kann. Die Resonanz ist groß und zeigt, wie groß die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist.
Das sind nur einige Gedanken. Aber es geht viel weiter.
Ich möchte das Thema Gute Orte mit Fragen umkreisen. Ich stelle Fragen, auf die sie dann selbst eine Antwort finden. Die richtigen Fragen sind oftmals besser als die Antworten.
Wo also sind diese guten Orte?
Sind es Orte des Guten, Wahren und Schönen? Oder sind das nur große Worte.
Sind das Schlechte, Falsche und Hässliche das Gegenteil vom Guten, Wahren und Schönen? Oder nur die andere Seite desselben Ortes?
Oder ist das kein guter Ort, sondern ein schlechter, weil wir ihn nicht sehen wollen?
Ist ein Ort gut, wenn er uns zwingt, hinzusehen und wir erkennen, dass wir falsch liegen?
Kann ein guter Ort ein Ort der Scham sein,
ein Ort, an dem wir unseren Irrtum erkennen?
Auch wenn es wehtut?
Ist ein Ort also wahr – auch wenn diese Wahrheit unbequem ist?
Wo beginnt das Schlechte. Im Mangel oder im Überfluss?
Ist ein guter Ort dort, wo nichts fehlt,
oder dort, wo wir lernen, mit dem Fehlenden zu leben?
Ist ein guter Ort gebunden also an Besitz?
Oder entsteht er erst dort, wo nur das Notwendige uns gehört?
Es ist modern, Verzicht zu üben, angesichts der Zerstörung der Natur durch Übermaß und Genuss. Aber: Askese ist Selbstverleugnung, also Sünde, für gläubige Menschen. Eine Stelle im Talmud lautet sinngemäß: ER hat uns Essen und Trinken zum Genuss geschenkt. DER Mensch wird sich einst verantworten müssen für erlaubte Dinge, die er gesehen, aber nicht genossen hat.
Das ist kein Aufruf zum Hedonismus, sondern eine Absage an grundlose Selbstverweigerung, immer verbunden aber mit dem Gebot, sorgsam mit Gottes Schöpfung umzugehen. Segne, was Du uns bescheret hast, sagen die Christen.
Es geht um GUTE ORTE und wir gehen jetzt in Gedanken mal – zu Tisch.
Ist der reich gedeckte Tisch ein guter Ort?
Auch dann noch, wenn der Überfluss uns beschämen sollte?
Wenn er zum Tatort des Übermaßes wird?
Wenn man sich an den gedeckten Tisch der Welt setzt, nimmt, trinkt, isst, lässt liegen – und geht?
Dann wird der gute Ort des gedeckten Tisches zu einer Parodie auf eine Überflussgesellschaft. Der gute Ort ist nicht verloren, weil es zu wenig gibt, sondern weil es zu viel gibt. Zu viel Angebot, zu wenig Maß. Kein Elend, sondern Verwahrlosung in Wohlstand und Achtlosigkeit. Durch das kleine tägliche Zuviel.
Ist ein guter Ort also ein Ort, an dem wir alles bekommen, was wir wollen? Ist das unsere Vorstellung von Freiheit?
Was geschieht noch, wenn der Tisch voll ist?
Wenn man nicht mehr teilen muss,
wenn Satt sein nichts mehr bedeutet?
Ist also ein guter Ort dort, wo alle satt sind, oder dort, wo wir erkennen, dass Sattsein nicht genügt? Reicht es, satt zu sein?
Was bleibt vom Mahl, wenn das Maß verloren ging?
Wenn Brot selbstverständlich und Wein zur Zerstreuung werden?
Wie viel braucht es, um genug zu sein? Und wann ist genug schon zu viel?
Ist der reich gedeckte Tisch der gute Ort oder das, was zwischen den am Tisch Sitzenden geschieht? Und wenn das nur Oberflächlichkeiten und Eitelkeiten sind, ist der reich gedeckte Tisch auch dann noch ein guter Ort oder nur noch Kulisse?
Ist ein guter Ort still oder laut?
Sind die Lautesten am Tisch die Klügsten?
Ist ein guter Ort einer, an dem wir sprechen –
oder einer, an dem wir besser zuhören – und lernen?
Einer, an dem wir uns einig sind –
oder einer, an dem wir Differenz aushalten – und auch da bereit sind, zu lernen.
Ist das ein guter Ort, wo gesungen wird?
Und ist das immer so? Auch wenn dazu marschiert wird und die Lieder gegrölt werden?
Ist das ein guter Ort, wo gelacht wird?
Und ist das auch immer so? Auch wenn das Lachen schadenfroh ist?
Ist ein guter Ort einer, den man zeigen kann?
Oder einer, den man selbst erfahren muss?
Gibt es die guten Orte immer nur andernorts, in der Ferne?
Oder sind das nur Versprechen, dass es irgendwo besser sein soll? Oder erkennt man sie erst, wenn man nach Hause zurückkehrt?
Man könnte sagen: In der Ferne suchen wir die Guten Orte.
In der Heimkehr erkennen wir sie.
Man hört oft, oder man denkt es selbst: Wo möchtest du leben auf dieser Welt. Ist Deutschland ein guter Ort? Für mich gibt es da nur diese eine Antwort: Ja!
Aber doch scheint etwas kaputtzugehen. Und nicht Putin allein trägt die Schuld.
Es gibt die Annahme in der Geschichtsphilosophie über den zyklischen Verlauf der Geschichte: Große Reiche kamen und vergingen. Warum?
Schlechte Zeiten bringen starke Menschen hervor, starke Menschen schaffen gute Zeiten, gute Zeiten erzeugen schwache Menschen, schwache Menschen bringen schlechte Zeiten.
Wo befinden wir uns gerade? Wir leben in guten Zeiten!
Ist ein Guter Ort sichtbar – oder entsteht er im Unsichtbaren, zwischen aufmerksamen Blicken, bedeutsamen Gesten und empathischer Zuwendung?
Dann wäre der gute Ort also kein Ort, sondern ein Ereignis oder eine Haltung? Wenn sich Menschen nicht nur anschauen, sondern wahrnehmen. Wenn zwischen ihnen etwas passiert, das man nicht anfassen kann: Vertrauen, Nähe, Mitgefühl.
Sichtbares kann täuschen!
Ein guter Ort ist also nicht nur ein Ort, auf den man zeigt und sagt: Dort ist er!
Und schließlich:
Ist Kunst ein guter Ort oder nur der Versuch, einen zu schaffen?
Ist dieser Raum hier ein guter Ort –
oder wird er es erst durch Sie? Wenn Sie dann wieder nachhause gehen, war das dann hier ein guter Ort für sie?
Sie sehen, man kann viel über Gute Orte sagen und doch bleiben Fragen. Die Antworten möchte man nicht immer hören.
