ROTKLEE LX • STELL DIR VOR KEINER GEHT HIN

Das ist der Titel der 60. Ausstellung im ROTKLEE, die am Freitag, dem 30. Januar, 18 Uhr eröffnet wird und zu der wir herzlich einladen.

Jeder vervollständigt gedanklich diesen bekannten Satz der Friedensbewegung. Oft wird er dem Falschen zugeschrieben (Brecht war es nicht). Auch wurde er ergänzt und so ins Gegenteil gekippt (…dann kommt der Krieg zu dir). Man hört die Worte vom naiven Pazifismus und vom gerechten Frieden. Ein weites Feld. 

Der Satz wurde auch zur Denkfigur: Dorthin gehen, mitmachen und unterstützen, wo Vernunft eine Stärkung braucht. Nicht hingehen, nicht mitmachen, nicht unterstützen, wo Interessen und Machtkalkül uns vereinnahmen wollen. 

20 Künstlerinnen und Künstler haben sich zu diesem Thema positioniert:

ANETTE ALBRECHT, Berlin • ULRICH  DIEZMANN , Berlin • FRANCOISE GIROUY, Binz • WALTER G. GOES, Bergen • KATHLEEN HARSCH, Neubrandenburg • GÜNTHER HAUßMANN, Neukamp • BETTINA HÜNICKE, Potsdam • MARIO KUSEL, Prora • GEORG MEYER, Alt Reddevitz • GITTI MÜLLER, Berlin • MONIKA ORTMANN, Wittenhagen • MONIKA RINGAT, Heidekaten • UTE RÜDRICH, Kakernehl • HANS SCHEIBNER, Maßlow •  PETER SCHÜLER, Ummanz • FRANK OTTO SPERLICH, Karow • JENS STEINBERG, Berlin • ROYA STURM, Putbus • MARTIN A. VÖLKER, Berlin • CHRISTIAN WEISS, Zudar • RANDOLPH WOLF, Zarrendorf  

Die Ausstellung ist bis zum 13. März, Mi-So, 13-17 Uhr zu sehen.

Frank Otto Sperlich • HINKE PINKE 1 • (Himmel und Hölle) 2026

Zur Eröffnung der 60. ROTKLEE-Ausstellung am 30.01.2026

STELL DIR VOR KEINER GEHT HIN

Ein Beitrag von Günther Haußmann.

Ich möchte über eines der Bilder in unserer Ausstellung sprechen.

Es ist zwar nicht üblich, bei einer Gruppenausstellung über nur ein Kunstwerk zu reden. Aber anhand dieses Bildes kann man die Hintergründe unseres Ausstellungsthemas behandeln.

Es ist das Bild von Christian Weiß „The Wall“ von 2025.

Das Bild zeigt ein Plakat mit einer roten Ziegelmauer auf einer grauen Mauer mit dem bekannten Satz „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ Das Plakat ist unten rechts teilweise abgerissen. Der graue Putz ist sichtbar und darunter ein Stück Mauerwerk. Jemand hat dem Satz einen Nebensatz hinzugefügt, über das Plakat und das Mauerwerk hinweg.

Es gehört nicht zum Plakat: „…dann steht ganz schnell der Russe vor deiner Tür.“

Kinder haben ein Strichmännchen gemalt und das Wort „doof“

dazugeschrieben.

Sie schauen hin und denken, ja, so ist es! Oder Sie denken: Unerhört!  Sicher sind Sie nicht. Oder doch?

Ich will kurz über die Geschichte des ersten Satzteiles sprechen.

Erstmals erscheint der Satz „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ 1936 in einem Buch des amerikanischen Schriftstellers Carl Sandburg. Er lässt dort ein kleines Mädchen diesen Satz sagen, am Rande einer Militärparade. Nur den ersten.

30 Jahre später wird dieser Satz zur Parole der amerikanischen Antikriegsbewegung gegen den Vietnamkrieg,

In den 70er und 80er Jahren dann auch in der Friedensbewegung in Deutschland.

1981 war es der Hamburger Kommunikationsdesigner Johannes Hartmann, der ein Plakat in Form eines Graffitos auf einer roten Ziegelwand entworfen hatte mit eben diesem ersten Satz. Ähnlich wie jetzt das Bild von Christian Weiß. In dieser Form hatte es seither eine weite Verbreitung gefunden.

1982 war es der Chefredakteur einer Schweizer Zeitung, der sich über diese naive Friedensparole empörte. Von ihm stammt der Zusatz „dann kommt der Krieg zu dir“. Der ganze Satz lautet jetzt: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu dir.

(Dieser Zusatz wird oft Bertold Brecht zugeschrieben. Aber das stimmt nicht. Brecht schrieb an besagter Stelle fast das Gegenteil von dem, was man ihm damit unterstellte.)

In dieser Form wurde das Zitat nun zur Parole der Gegner der Friedensbewegung.

Nach 1989 geriet die Losung in Vergessenheit. Die Welt stand vor der Chance, Kriege künftig zu vermeiden.

Seit 2022 nun kommt die erweiterte, ins Gegenteil verkehrte Friedenslosung wieder in Mode und dient der Begründung für die derzeitige Russlandpolitik der EU und allen voran Deutschlands: „…dann kommt der Krieg zu dir“.

Christian Weiß hat in seinem Bild das Thema zugespitzt. Er hat den Zusatz „Dann kommt der Krieg zu dir, ersetzt durch „…dann steht der Russe ganz schnell vor deiner Tür“. Das gibt es so noch nicht. Aber in den Köpfen, da existiert es schon: Das Bild des vor der Tür stehenden Russen.  

Der NATO-Generalsekretär hat es 2025 wiederholt getan: Nehmt Russischunterricht oder wandert nach Neuseeland aus. Er hat damit die Erhöhung der Verteidigungsausgaben begründet. Jens Spahn benutzte das Bild ebenfalls: Was nützt die Schuldenbremse, wenn am Ende der Russe vor der Tür steht.

Der Missbrauch der ehemaligen Friedenslosung in nie dagewesener Zuspitzung!

Ist das nun eine begründete Warnung oder ist es eine unverschämte demagogische Provokation?

Wie funktioniert diese Losung in ihrer erweiterten Form? Es ist keine bloße Ergänzung; es ist eine Umkodierung. Eine Aussage wird gekapert. Man nimmt das Symbol der Gegenseite (den pazifistischen Imperativ), versieht es mit einem Zusatz, und plötzlich gerät das Ganze ins Gegenteil. Aus dem Traum der Gewaltlosigkeit wird ein Bedrohungsbild, aus dem „Nicht-Hingehen“ ein Sicherheitsrisiko. Der Satz oben appelliert an die uralte Sehnsucht nach Frieden, der Satz unten verhöhnt diese Sehnsucht.

Das Bild stellt also den Konflikt zwischen Friedenssehnsucht, Aufrüstung und Russenhass dar.

Aber Vorsicht! Das ist kein Plakat, es ist ein Kunstwerk! Und es lässt offen, ob es den Nachsatz bekräftigt oder kritisiert. Kinder jedenfalls finden es doof.

Es zeigt vielmehr die Logik beider Seiten: Pazifismus als Hoffnung, dass Gewalt durch Nichtteilnahme endet und Abschreckung als Angst, dass Nichtteilnahme Gewalt erst einlädt, in unserem Fall den Verlust unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung.

In dem einen Fall unterschätzt man die Gewalt; im anderen Fall lässt man sich von Angst das Denken diktieren.

Entweder man liest es als Kritik am naiven Pazifismus oder als Kritik an einer Angst- und Feindbildpolitik. Auf jeden Fall ist es die Diagnose einer gesellschaftlichen Spaltung.

Das Feindbild „der Russe“ ist ein kalkulierter Schock. Er ist historisch aufgeladen. Es zieht einen langen Schatten von der Sowjetzeit über den Kalter Krieg, bedient Ost-West-Narrative, erweckt einen seit jeher schlummernden Russenhass des Westens zu neuem Leben, fällt seit 2022 auf fruchtbaren Boden und wird ergänzt durch Russophobie.

Dieses Feindbild wird bereitwillig angenommen. Schauen Sie in den Spiegel und prüfen Sie sich!

Die NATO, die deutsche Regierung, die meisten Parteien und die Medien inszenieren dieses Feindbild.

Pazifismus ist ab jetzt naiv.

Das Wichtigste am Bild sind aber nicht die beiden Satzteile. Es ist der graue Bereich unten rechts, das teils abgerissene Plakat und die Überschreibung mit dem neuen Zusatz.

Es ist der Hinweis darauf, dass öffentliche Wahrheiten nie endgültig sind, sondern überklebt, korrigiert, neu plakatiert werden können. Morgen schon wird dieses Plakat durch ein anderes ersetzt. Auch das wird versuchen, uns auf seine Seite zu ziehen.

Wer vor diesem Bild steht, steht vor einer Frage, die größer ist als die beiden Sätze: Wie kann man in Kriegszeiten sprechen.

Wir leben in Kriegszeiten, auch wenn es uns in unseren warmen Stuben nicht so ganz betrifft, sondern nur betroffen macht.  Wie kann man sprechen, ohne in Naivität oder Propaganda zu kippen?

Für den einen ist das Plakat eine Provokation. Für den anderen die Bestätigung offizieller Politik, auf deren Seite er sich bereitwillig schlägt. Und merkt nicht, dass er gerade einen anderen Satz umformuliert: Ohne Deutschland soll nie wieder ein Krieg ausgehen.

Deutschland befeuert dieses Sterben in der Ukraine. Was wäre, wenn Deutschland die eigenen Soldaten in den Krieg schicken würde?

Aus fremder Haut schneidet man gute Riemen.

Und wenn ein Blinder einen Blinden führt, fallen beide in die Grube (Matthäus Kapitel 15, Vers 14)

Suchen Sie es sich aus. Es ist für jeden etwas dabei.

Und nach dem Krieg?

Wird Russland seine kriegerischen Handlungen nach Ende des Ukrainekrieges fortsetzen?  Immerhin ist dies das Argument für beschleunigte Aufrüstung in Europa, die Fortsetzung des Krieges und vor allem, weil der Schutz durch die USA womöglich wegfällt.

Es gibt viele Stimmen, die dies bezweifeln, allerdings außerhalb der Politik und der Leitmedien. Deren Argument klingen plausibel. Wissen können die es allerdings auch nicht. Auf der anderen Seite steht eine nie dagewesene Aufrüstung und ein neuer Kalter Krieg. Mit ein wenig politischer Bildung kann man vermuten, zu wessen Vorteil das geschieht.

Es ist kein Argument, was ich an dieser Stelle einfüge, aber ein Empfinden aus  eigener Erfahrung:

Von 1967 bis 1972 habe ich in der ehemaligen Sowjetunion studiert. 22 Jahre waren seit dem Ende des 2.WK vergangen. Dieser Krieg hat die Sowjetunion über 26 Mill Menschenleben gekostet und ein zerstörtes Land.

Ich habe in meiner Zeit dort nicht ein einziges Mal Anfeindungen erlebt. Kein Wort, nichts. Ganz im Gegenteil. Sie begriffen uns dort als Freunde (deren Väter Jahre zuvor ihr Land mit Verwüstung überzogen hatten).  Nur 22 waren seither vergangen!

Nun könnte man einwenden, in einer Diktatur wie damals, konnte man so etwas anordnen. Vielleicht. Aber es hätte nicht funktioniert, wenn es nicht in der russischen Seele bereits angelegt wäre.

Russland braucht den Frieden genauso wie jedes Volk. Nur zurückweichen werden die Russen nie, das wissen alle.

Ich glaube nicht, dass der Russe bald vor der Tür steht.