ROTKLEE LIX • ALLE JAHRE WIEDER

Abbildung: Randolph Wolf • DEVINER SUNRISE • 2025 • Acryl und Blattegold auf Leinwand • 40x50cm

Am Freitag, dem 21.November, 18 Uhr starten wir die 59. Ausstellung in der Galerie ATELIER ROTKLEE in Putbus mit dem Titel ALLE JAHRE WIEDER. Es ist keine Weihnachtsausstellung, sondern ein freies Thema. 37 Künstlerinnen und Künstler, so viele wie noch nie in 11 Jahren Rotklee, haben ihre Beiträge eingereicht:

ANETTE ALBRECHT, Berlin • EGON ARNOLD, Putbus • HELLA ARNOLD, Putbus • PETER BEYER, Stralsund • BIRGIT ENTNER, Gustow • FRANCOISE GIROUY, Binz • WALTER G. GOES, Bergen • GABRIELE GOLLNOW, Berlin • KATHLEEN HARSCH, Neubrandenburg • GÜNTHER HAUßMANN, Neukamp • BETTINA HÜNICKE, Potsdam • MARIO KUSEL, Prora •
GEORG MEYER, Alt Reddevitz • GITTI MÜLLER, Berlin • MONIKA ORTMANN, Wittenhagen • HANNE PETRICK, Altenkirchen • ESTHER RAPPSILBER, Parchtitz • UTE RÜDRICH, Wittenhagen • MONIKA RINGAT, Heidekaten • ANGELICA RUSS, Glowe • ASTRID SALEWSKI, Dessau • GRIT SAUERBORN, Rostock • HANS SCHEIBNER, Maßlow • HORST-WERNER SCHNEIDER, Liebenwalde • PETER SCHÜLER, Ummanz • FRANK OTTO SPERLICH, Karow • JENS STEINBERG, Berlin • TILL STETZLER, Brietlingen • BIRGIT SWENNSON, Swantow • SILKE TOLK-NINNEMANN, Silmenitz • ANNA TRUBEL, Potsdam • MARTIN A. VÖLKER, Berlin • CHRISTIAN WEISS, Zudar • CHRISTIAN WERDIN, Lohme • HELGARD WERTEL, Heidelberg und Lanzarote • RANDOLPH WOLF, Zarrendorf • KARIN ZIMMERMANN, Maßlow

Immer wieder stoßen neue Künstler zu uns. Es entsteht ein aktuelles Porträt der regionalen zeitgenössischen Kunstszene.

Die Ausstellung ist geöffnet bis 18.01.26, Mittwoch bis Sonntag, 13-17 Uhr.

Zur Eröffnung sprach Günther Haußmann

Guten Abend in die Runde!

Woran denken sie bei den Worten ALLE JAHRE WIEDER? Ja! Ich auch! An Weihnachten. Man könnte auch sagen: wenn ROTKLEE eine Ausstellung mit diesem Titel macht, schon das zwölfte Mal in 11 Jahren, dann ist wohl bald Weihnachten.

Willkommen also zur 59. Ausstellung!

Ich werde in den nächsten 10 Minuten zwei Gedanken nachgehen:

Erstens: Was lässt sich noch denken bei ALLE JAHRE WIEDER.

Und zweitens: Einige Überlegungen zur Präsentation von bildender Kunst.

Zur letzten Ausstellung hatten wir Künstler gezielt angesprochen. Jeder bekam eine größere Fläche. Diese Ausstellung ist wieder frei für alle. Dh. 120 Künstler und Künstlerinnen wurden zur Teilnahme eingeladen. Gekommen sind 37.

So viele wie noch nie in 11 Jahren.

Wir begrüßen auch wieder einige Künstler, die erstmals bei uns sind.

Ich stelle sie ihnen alle vor, sofern sie anwesend sind. In alphabetischer Reihenfolge.

Zurück zu den zwei Themen.

Was lässt sich also noch denken bei ALLE JAHRE WIEDER.

Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, sieht man:  Da sind nicht nur Weihnachten, Silvester, Ostern und Geburtstage, die da alle Jahre wiederkehren.

Ich habe die KI befragt: Es soll weltweit etwa 5 000 dieser wiederkehrenden Tage geben,

Demnach sind es 170 offizielle weitweite Tage, 3000 nationale und staatliche Feiertage, 300 religiöse Feste und Gedenktage, 1500 Aktionstage

Es ist eine fast anthropologische Frage, warum Menschen sich jährlich wiederkehrende Tage geschaffen haben: Da sind Gedenktage, Festtage, Mahntage, Aktionstage, Feiertage, Jahrestage, religiöse und nichtreligiöse.

 

Wir strukturieren unser kollektives Leben. Wir sind soziale Wesen. Selbst unsere Geburtstage feiern wir in Gemeinschaft

Wir leben also nicht nur in der Naturzeit, dem Tag, dem Monat, der Jahreszeit, sondern auch in einer Bedeutungszeit.

 

Vom heiligen Fest bis zum humorvollen Aktionstag,
Vom Mahnmal der Geschichte bis zum Appell an die Zukunft.

 

Es gibt bewegende Tage. Den Sternenkindertag, zum Beispiel. Sternenkinder sind Kinder die im Mutterleib, während oder kurz nach der Geburt versterben. Am zweiten Sonntag im Dezember, 19 Uhr Ortszeit stellen weltweit Menschen eine Kerze ins Fenster. Die Lichter wandern so 24 Stunden lang um den Globus als Zeichen der Erinnerung und Verbundenheit mit den betroffenen Familien.

Es gibt aber auch lustige und skurile Feste und Rituale.

La Tomatina im August in Spanien; eine riesige Tomatenschlacht.

Oder Holi – das Fest der Farben in Indien.

Menschen bewerfen sich gegenseitig mit Farben.  Streitigkeiten und Standesunterschiede werden hier gleichsam übertüncht oder übermalt.

Bei uns ist es der 1. April, April!

Am ersten Sonntag im Mai ist Weltlachtag, 14:00 Uhr Ortszeit wird dabei in Europa gemeinsam für eine Minute gelacht.

Dann gibt es ganz erstaunliche Aktionen. Der 10. Dezember ist der Tag der Menschenrechte. Eine Aktion ist ein 24-stündiger Briefmarathon. Dabei werden Menschen aus aller Welt eingeladen, Briefe und Nachrichten zu schreiben für Menschen, deren Rechte in Gefahr sind. Diese Briefe gehen an die Präsidenten der verantwortlichen Länder. 2024 wurden so 5 Millionen Briefe verschickt. Aus Deutschland 580 000.

Am 8. August ist internationaler Katzentag

Gestern war der internationale Tag der Kinderrechte.

Heute ist der Welttag des Fernsehens.

 

All das ALLE JAHRE WIEDER.

Also merke:  ALLE JAHRE WIEDER ist nicht nur Weihnachten!

 

Zweites Thema und ein Sprung zurück in unsere Galerie.

 

Ich möchte einige Überlegungen zur Präsentation von bildender Kunst mit ihnen teilen. Also das, was wir hier machen. Auch angesichts der heutigen Ausstellung, wo 37 Künstlerinnen und Künstler in unserer kleinen Hütte Platz gefunden haben, mit über 100 Kunstwerken.

 

Es geht um Kuratierung, Kunstwahrnehmung und Zeitgeist.

Ich lese mal einen Text vor:

Es machte immer einen widrigen Eindruck auf mich, in einem Saal eine Menge Bilder wie Waren aufgestellt zu sehen, wo der Beschauer nicht jedes Gemälde für sich getrennt betrachten kann, ohne nicht gleich vier halbe Bilder mitzusehen.

Das sagte unser hochverehrter CDF vor 200 Jahren zu diesem Thema. Hatte er Recht? Ich widerspreche ihm mal.

 

Wenn man die Bilderflut, die uns inzwischen auch über die elektronischen Medien erreicht, in die Überlegung mit einbezieht und die Sättigung, die damit einhergeht, könnte man zu einem ähnlichen Schluss kommen.

 

Aber:

Zu unseren 6-mal im Jahr stattfindenden Ausstellungen laden wir 120 Künstler und Künstlerinnen ein. 20-30 folgen und reichen ihre Arbeiten ein. Jeder bekommt einen Platz. Keiner wir abgelehnt. Das Ergebnis sind Präsentationen, für die wir seit Jahren bekannt sind. Viele Arbeiten teilen sich eine Fläche. Es entsteht – und das ist unser Ansatz – ein Porträt der regionalen Kunstszene.

Das Ergebnis gefällt nicht immer und nicht allen.

Deren Argumente sind auch gar nicht von der Hand zu weisen:

Man kann sich nicht auf ein Bild konzentrieren.

Das einzelne Bild verliert seine Aura.

Es ist eine Reizüberflutung

Es ist eine Kapitulation vor der Reizüberflutung

Der Blick findet keine Ruhe

Ich bin überfordert.

Große Arbeiten dominieren und erdrücken die kleinen, feinen.

Weniger Ablenkung bedeutet intensiveres Sehen.

Manche nennen es eine Zumutung.

 

Glauben sie uns! Wir wissen von der klassischen Form von Kunstpräsentation. Dem Werk gehört eine ganze Fläche.

So kennen wir es aus Museen und das ist immer wieder beeindruckend. 

 

Jedes Bild steht für sich, feierlich ausgeleuchtet, umgeben von Respekt und Stille.

Es lädt zum Verweilen ein. Der Betrachter kann sich ganz auf ein Werk einlassen.

Es ist die Hängung der Achtung und der Stille.

Das Kunstwerk spricht als Solist und nicht als Stimme in einem Orchester.

 

Diese traditionelle Präsentation in Museen oder größeren Ausstellungen ist ein vertrautes und respektvolles Format.

Es erscheint wie der Gegenentwurf zur Schnelllebigkeit unserer Zeit.

 

Und warum machen wir es dann nicht genau so?

 

Weil – wir kein Museum sind und auch nicht die Heroen der Gegenwart bei uns haben.

Weil es nicht unser Prinzip ist.

Weil wir etwas anderes wollen.

 

Wir wollen möglichst vielen Künstlern eine Plattform geben. Auch jenen, die nicht oft eine Einzelausstellung bekommen.

Ein Kunstwerk ist fertig. Man möchte es zeigen. Das kann man bei uns.

 

Eine Einzelhängung ist richtig im Umgang mit den Großen vergangener Zeiten und den Solisten der Gegenwart. Nicht aber, um die Vielzahl der Stimmen abzubilden, die zu Recht auch existieren. Wir wollen ein aktuelles Gruppenbild der regionalen Kunstszene.

 

Es ist der Dialog vieler Stimmen und eben kein Monolog.

Die Unterschiede zwischen den Künstlern werden deutlich, jeder zeigt seine Bildsprache.

Die Hängung ist auch keine Kapitulation vor der Reizüberflutung, sondern ein Abbild unserer Zeit. Wir leben in einer Zeit, in der nichts mehr alleinsteht. Alles ist Teil eines größeren Zusammenhangs. Vieles geschieht gleichzeitig. Viele Stimmen, viele Meinungen, viele Temperamente.

 

Und vielleicht ist genau das auch eine Aufgabe zeitgenössischer Kunst – nicht die Welt zu ordnen, sondern sie erfahrbar zu machen, so wie sie ist.

 

Wer heute eine Ausstellung betritt, betritt auch eine Versuchsanordnung:

Wie sehen wir Kunst. Wie verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn die Bilder nicht in einer Reihe hängen.

Bei unseren Ausstellungen geht es nicht um Vereinzelung, sondern um Beziehungen.

Vielleicht ist diese Ausstellung also beides:

eine Einladung und eine Herausforderung.

Sie fordert das Auge heraus,

aber sie lädt auch ein, die Vielfalt zu genießen.

 

Natürlich könnten wir alles ordentlich aufreihen,

mit schönem Abstand,

wie in einem Museum oder einer großen Galerie.

Dann hätte jedes Werk seine Ruhe.

Aber mal ehrlich:

So still ist das Leben nicht.

Hier hängen die Bilder so, wie wir heute leben:

Vieles gleichzeitig.

Alles spricht.

Und trotzdem versteht man es. Allerdings nur, wenn man hinhört.

 

Man könnte sagen: Unsere Art der Kunstpräsentation verlangt größere Aufmerksamkeit des Betrachters gegenüber den Künstlern und ihren Werken als eine Einzelhängung.

Man könnte also auch sagen: Die Verantwortung liegt ganz bei ihnen, liebes Publikum.

 

Ich hoffe man sieht, dass kein Bild zufällig an seinem Platz hängt. Es ist eine Komposition aus Formen, Farben, Formaten, bildnerischen Techniken  –  aber eben auch ein Experiment. Eine Versuchsanordnung darüber, wie wir heute sehen. Es ist ein Angebot.

Im günstigsten Fall ist die Ausstellung ein Kunstwerk für sich, mehr als nur die Summe der einzelnen Werke. Das verlangt aber die präzise Positionierung eines jeden Bildes. Nichts ist da zufällig. Zusammenstellung, Linien und Abstände sind genau bestimmt.

 

Wenn alles gleichzeitig sichtbar ist,

entstehen plötzlich Verbindungen der Werke zueinander.

Farben antworten einander, Themen werden sichtbar,

Formen spiegeln sich. Es entsteht ein Gespräch der Bilder.

 

Genau diese Vielstimmigkeit zeitgenössischer Kunst wollen wir zeigen.

 

Außerdem: Die Tatsache, dass stets über 20 bis 30 Künstler uns ihre Werke anvertrauen, diesmal sogar 37, zeigt, dass wir nicht ganz falsch liegen mit unseren Annahmen. Und Künstler verstehen etwas davon.

Dem, der sagt: Man kann sich ja gar nicht auf ein Bild konzentrieren bei solcher Hängung, sage ich:  Stimmt! Dann konzentrier dich eben! Willkommen im 21. Jrh.

 

Willkommen also im ROTKLEE!